fbpx
+43 / 316 / 77 43 40, +43 / 7676 / 20058 office@iwap.at

Die psychologische Lücke in der Architekturausbildung ist traditionell gewachsen. Architektur als deutlich ältere Disziplin hat teilweise ein anderes Verständnis von Lehre als die jüngere Wissenschaft der Psychologie. Obwohl es beim Bauen primär um den Menschen geht (oder zumindest gehen sollte), gab und gibt es nur einen relativ zaghaften Austausch mit den Humanwissenschaften. Nichtsdestotrotz ist in den letzten Jahrzehnten die Wohn- und Architekturpsychologie entstanden, die sich genau das zum Ziel gesetzt hat: das psychologische Wissen in der Bau- und Planungspraxis zur Anwendung zu bringen – zum Vorteil aller Beteiligten, insbesondere jedoch jener Menschen, die dann diese Gebäude mit Leben füllen.

Das Lehrsystem der Architektur

Die Architekturausbildung vollzieht sich überwiegend an künstlerischen oder technischen Universitäten und wird über weite Strecken geprägt vom Bild des Meister-Schüler-Denkens. Dieses kennzeichnet sich dadurch, dass es einen Meister (oder eine Meisterin) gibt , der einige Erfahrung vorweisen kann und dann sein in der Praxis gesammeltes Wissen an seine Schüler/innen weitergibt.

Bei der Bestellung von Professor/inn/en wird dann häufig auf mehr oder weniger renommierte Architekt/inn/en zurückgegriffen, welche die letzten Jahre überwiegend in Planungsbüros bzw. auf Baustellen verbracht haben. Sie sind dann zwar Profis, was die Planung und Umsetzung von Bauprojekten betrifft, aber häufig hinsichtlich Wissenschaft, Forschung und Lehre nicht ganz so versiert – und zwar aus einen bestimmten Grund:
Die meisten von Ihnen hatten aufgrund ihres bisherigen – im Regelfall sehr herausfordernden – Tätigkeitsfeldes meist gar nicht die Ressourcen, sich in all den vielen Fächern, die beim Bauen zusammentreffen, den aktuellen Stand der Wissenschaft zu erarbeiten, geschweige denn weiterführende Forschung zu betreiben.
In technischer Hinsicht wird dieses Manko (bereits seit langem) dadurch ausgeglichen, dass die Industrie, Bauphysiker und Bauingenieure, innovative Unternehmen etc. die Forschung vorantreiben und neue Produkte bzw. Verfahren zur Anwendungsreife bringen und Architekturbüros bei der Umsetzung unterstützen.

Völlig anders sieht es hingegen im humanwissenschaftlichen Bereich aus. Hier gibt es keine Industrie oder Firmen, die den Stand des Wissens vermitteln. Architekt/inn/en sind hier mehr oder weniger auf sich allein gestellt und müssten ihn sich selbst erarbeiten, was enorm aufwändig und neben einem regulären Bürobetrieb schlichtweg nicht zu bewerkstelligen wäre.
Da Studierende dann von eben diesen Architekt/inn/en unterrichtet werden, wird eine gewisse Wissenslücke gleichsam stets an die nächste Generation weitervererbt.

Der tiefe Graben

Noch dazu besteht in unserem europäisch geprägten Bildungs- und Wissenschaftssystem ein tiefer Graben zwischen den technischen und den psychologischen Fachbereichen mit beidseitigen Berührungshemmungen.
So wird auch die relativ große Distanz zwischen der baukünstlerischen bzw. technischen Tradition in der Architekturausbildung und den Humanwissenschaften nur sehr spärlich und punktuell überwunden.

Dies hat jedoch zur Folge, dass aus humanwissenschaftlicher Sicht die Ausbildung als auch die Anwendung um Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Wissenschaft hinterherhinken. Doch nicht nur das, viel relevantes Wissen, das zur Entwicklung menschengerechter Umwelten beitragen könnte, findet gar nicht den Weg in die Bau- und Planungspraxis, sondern verebbt – von der Baubranche unbemerkt – irgendwo in psychologischen Fachjournalen.

So kommt es dann auch, dass bisweilen haarsträubende Fehler gemacht werden, die von den Verursachern oft gar nicht als solche erkannt werden.
So kommt es dann auch, dass in den Architektur-Modejournalen bisweilen Projekte präsentiert und umjubelt werden, die sich aus humanwissenschaftlicher Sicht als nahezu peinlich dilettantisch, manchmal gar als grob fahrlässig entpuppen können.
Kaum anderswo wird die Diskrepanz zwischen dem Gebäude- und dem Lebensraum-Ansatz deutlicher erkennbar als in den gängigen Architekturjournalen, wo Gebäude als Kunstwerke abgebildet werden – ohne einer Spur von Menschen. Beim Durchblättern könnte man leicht den Eindruck bekommen, dass der Mensch lediglich einen optischen Störfaktor darstellt, der dieses Kunstwerk durch seine Aneignung oder seine bloße Anwesenheit beeinträchtigen könnte.
Es werden eben Gebäude abgelichtet und keine menschlichen Lebensräume – darin liegt ein fundamentaler Unterschied.

Erstklassige Gebäude sind noch keine Lebensräume

Führen wir uns kurz die wichtigsten Eigenschaften vor Augen, die ein Gebäude üblich aufweisen sollte, z.B.: ansprechendes Erscheinungsbild; baukünstlerische Qualität; gute Nutzbarkeit und Raumlogistik; angemessener Aufenthaltskomfort; Schutz vor Wind & Wetter, Hitze & Kälte; hinreichende Standfestigkeit und Stabilität; gute Energiekennzahlen usw.
Diese Eigenschaften sind zwar schön und gut, sagen aber noch nicht viel über die humanen Qualitäten aus. Sie sagen noch nichts darüber aus, wie das menschliche Verhalten beeinflusst wird; wie unsere Gehirnfunktionen beeinflusst werden; wie unsere Wahrnehmung, unser Denken und Befinden beeinflusst werden; wie die soziale zwischenmenschliche Ebene beeinflusst wird; wie unsere Persönlichkeit beeinflusst wird; wie die soziale, kognitive und emotionale Entwicklung von Kindern beeinflusst wird; und vieles mehr …
Dies sind beispielhafte Aspekte, welche die Qualität eines Lebensraums bestimmen – doch was macht einen Lebensraum überhaupt aus?
Genau diese Frage bildet den zentralen Forschungsgegenstand der Wohnpsychologie (bzw. Architektur- und Umweltpsychologie) – eine Wissenschaft, die all jene psychologischen und sozialen Aspekte systematisch erfasst, die den Faktor Menschlichkeit bei Gebäuden definieren. IWAP hat diese Fülle zu 8 Hauptkategorien zusammengefasst, welche die Wirkungsprozesse zwischen Mensch und gebauter Umwelt beschreiben. Die wissenschaftliche Basis dieser Systematik ist mittlerweile so breit, dass sie eigentlich kaum mehr übersehen werden kann.

Institut für Wohn- und Architekturpsychologie

Das Institut für Wohn- und Architekturpsychologie sieht seine Hauptaufgabe darin, das psychologische Wissen in der Planung und beim Bauen anwendbar zu machen. Dazu wurden beispielsweise alle praxisrelevanten Inhalte in einen Lehrgang gepackt, der Planer/innen den Zugang zum humanwissenschaftlichen Wissen erleichtert.