Analysen und Diagnosen als wissenschaftliches Handwerk.
Kann man das Scheitern vorhersehen?
Die erste Hauptaufgabe der WAP – das Scheitern von Projekten vorhersehen bzw. abwenden
Ein engagierter und innovativer Wohnbauträger wollte an dieser markanten Stelle einer Großstadt ein sogenanntes Flagship errichten – einen Vorzeigewohnbau mit herausragender Qualität. Man holte sich für diese Aufgabe ein internationales Architekturbüro von Weltruf. Auch VertreterInnen seitens Politik und Behörden waren angetan von dem neuen (vermeintlichen) Wahrzeichen und unterstützten das Projekt in seltener Einigkeit.
Die Architekturkritik überschlug sich noch kurz nach Fertigstellung des Lobes: Dass so ein Gebäude realisiert wird, sei „ein Gewinn für die Bewohner, die so einen Bau sehnlichst erwartet haben. Ein Gewinn
für die Kommunalpolitik. Und freilich ein Gewinn für den Bauträger.“ Oder: „Bauten aus der architektonischen Champions League sind kein Wagnis mehr, kein Abenteuer …“ und: „Dass der Hadid-Bau jetzt mit einem solchen Erfolg … aufwartet, scheint für sich zu sprechen – und für die Architektur. Architektur – ein Verkaufsschlager!“
Das Projekt wurde zu einem Wahrzeichen, allerdings nicht in der erhofften Hinsicht. Von voller Auslastung keine Spur, nachdem die Belegungsrate mit der Zeit noch sank und irgendwann die Gebäude offensichtlich leer standen, war in den Medien fallweise vom „Geisterhaus“, einer „schönen Leiche“ und dergleichen die Rede. Diverse Nachnutzungskonzepte wurden entweder nicht realisiert oder schienen ebenso nicht nachhaltig zu fruchten. Dies war allem voran für die Bauträgerfirma eine Tragödie, die aufgrund dieser Fehlplanung in den finanziellen Ruin stürzte. (Und auch für „den Steuerzahler“, der das Projekt mit einer beachtlichen Summe mitbezahlte.)
Warum hat dieses Scheitern niemand vorhergesehen?
Die zentrale Frage, die sich hier stellt, lautet jedenfalls, warum dieses Scheitern niemand vorhergesehen hat – obwohl lauter Profis am Werk waren: ein sehr renommiertes erfolgreiches Architekturbüro,
erfahrene Bauträger und Behördenvertreter, die eine Vielzahl an Projekten abwickeln bzw. genehmigen. Auch die Architekturkritik erwies sich als ahnungslos.
Bei der Einschätzung oder Bewertung von Projekten geht es üblicherweise um die Gebäudequalität samt Technik und Kosten, Nutzungs- und Komfortaspekte, die Einhaltung von Baurichtlinien, Energiekennzahlen etc. und in diesem Fall vor allem auch um ästhetisch-gestalterische Aspekte. Die Ursachen des Scheiterns lagen allerdings großteils auf anderen Ebenen, die mit den üblichen Kriterien nicht erfasst werden können.
Zu welchem Ergebnis kommt eine wohnpsychologische Analyse?
In Anlehnung an die acht Hauptebenen (Seite 9 bis 18) gibt es eine gut erprobte Analysemethodik (HQA), mit deren Hilfe die humanen und sozialen Qualitäten eruiert und bewertet werden können. Damit lassen sie sich auch grafisch darstellen:
Die Diagramme zeigen auszugsweise zwei (von insgesamt acht) Hauptebenen mit den jeweiligen Hauptkriterien. Dabei werden einige gravierende Defizite erkennbar.
Die grafische Darstellung von Hauptkriterien auf einer Skala von 1(rot) bis 10 (grün). Rot steht für massive Mängel bzw. nachteilige Faktoren, grün für vorteilhafte Wirkfaktoren bzw. hohe Qualitäten.
Das abschließende Diagramm zeigt eine Zusammenfassung der acht Hauptebenen. Dass fast alle Ebenen unterdurchschnittlich abschneiden, ist bei einem Neubau ungewöhnlich und besorgniserregend zugleich. Das Scheitern kann somit kaum an einem Hauptgrund dingfest gemacht werden (denn der eine oder andere Mangel kann auch bei anderen, nicht gescheiterten Projekten gefunden werden). Die Ursachen liegen vielmehr in der Kombination und der selbstverstärkenden Wirkung der
Vielzahl an wohnpsychologischen Planungsfehlern.
Hier ein kurzer Überblick:
- kein Aneignungsraum, EG-Zone besteht ausschließlich aus Verkehrsflächen
- hohe aneignungsbezogene Isolation
- kontrollarme Bereiche im EG, hohes Potential für Incivilities (Vandalismus etc.)
- Entstehung von Angsträumen
- keine Aufenthaltsbereiche im Freien, keinerlei Spielflächen innen und außen, keine sozialen Interaktionsräume (innen und außen), keine Gemeinschaftsbereiche
- stark soziofugale Struktur – daher hoher Anonymitätsgrad, was die Entstehung von Incivilities und andere nachteilige Faktoren weiter begünstigt
- kaum benutzbare Freiflächen (wie Terrassen, Balkone, Grünflächen)
- teilweise systemische Isolation (Fußgänger); viele Wohnungen sind der Lärmbelastung ausgesetzt, nur einer Minderheit kommt die wahrnehmbare Natur zugute
- stark eingeschränkter Wahrnehmungsraum für viele Wohnungen
- teils wechselseitige Exponiertheit gegenüber Fremdkontrolle
- teils inkongruente Wohnungsgrundrisse
- der Entwurf reagiert kaum auf die Wirkfaktoren des Wohnumfeldes, Potentiale werden nicht bzw. nur ansatzweise genutzt, Defizite bisweilen völlig ignoriert
Die Liste ließe sich noch eine Zeit lang fortsetzen und müsste auch im Detail näher erläutert werden, aber das Wesentlichste dabei ist:
Zum selben Ergebnis kommt man, wenn man die Planung analysiert! Das heisst, man muss ein Gebäude nicht erst errichten und scheitern sehen, um das zu erfahren!
Wenn bei einer Planungsanalyse solche Ergebnisse zu Tage treten, dann schrillen einige Alarmglocken. In diesem Fall waren die meisten Fehler als auch die selbstverstärkenden Wirkungszusammenhänge bereits beim Entwurf erkennbar
Fazit: gezielte Innovation anstatt ungewisser Experimente
Experimente mit ungewissem Ausgang können (mit Hilfe der HQA) der Vergangenheit angehören. An deren Stelle kann eine professionelle Innovation treten, die sich dadurch kennzeichnet, dass sie auf wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen aufbaut. In vielen Fachgebieten ist dies bereits seit
Langem gang und gäbe, in der Architektur ebenfalls im Bereich der Bautechnik. Kaum jemand macht Experimente in statischer oder bauphysikalischer Hinsicht, sondern man lässt beispielsweise die Statik vorab berechnen. Ungewisse Experimente sind hier auch nicht notwendig, denn das Hintergrundwissen in Physik, Materialkunde etc. ist in den letzten 150 Jahren enorm angewachsen, sodass sich viele physikalische oder chemische Wirkungszusammenhänge bereits vorab darlegen lassen. So ist auch die gewaltige Innovation auf dem Gebiet der Hochbautechnik in den letzten Jahrzehnten erklärbar. In humanwissenschaftlicher Hinsicht sieht es hingegen (noch) völlig anders aus. Hier lässt man sich in der Baupraxis vielfach noch von Bauchgefühl und Intuition leiten, anstatt auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzugreifen.
Dabei wird wieder der tiefe Graben zwischen den Humanwissenschaften (Psychologie, Neurowissenschaften, Umweltmedizin etc.) und der Bauund Planungsbranche erkennbar. Denn das erforderliche Wissen für gezielte Innovationen gäbe es vielfach bereits. Hier ein Brücke zu bauen und das Know-how verfügbar zu machen, bildet eine zentrale Aufgabe von IWAP.
