Wie Grundrisse Beziehungen beeinflussen – Teil 1: 

Was bedeutet wohnpsychologische Zonierung?

Unterschwellige Wirkungszusammenhänge veranschaulicht anhand eines einfachen Beispiels einer typischen ZweizimmerWohnung

Der vorliegende Grundriss zeigt auf den ersten Blick kaum Auffälligkeiten. Er kann im gegenwärtigen Wohnbau nahezu als Standard-Grundriss bezeichnet werden, der in ähnlichen Variationen relativ häufig vorkommt.
Was lässt sich dazu aus wohnpsychologischer Sicht sagen, wenn man die Perspektiven unterschiedlicher Bewohnungsformen betrachtet?

Fall A: Single - eine Person bewohnt die Wohnung

Eine Person (Student) zieht in die Wohnung ein und findet eine Zonierung vor, die der internen Abstufung des Intimitätsanspruchs entgegenkommt. Vom
gemeinschaftlichen Gang kommt man über die Wohnungseingangstüre in einen kleinen Garderobenbereich. Von dort geht der Raum fließend in den Ess-Koch- und Wohnbereich über. Zum Raum mit dem höchsten Intimitätsanspruch gelangt man über eine Türe. Das Schlafzimmer liegt somit an einer Stelle, welche die Erfüllung von Schutzbedürfnissen bzw. das Entstehen von Geborgenheit und Intimität unterstützen kann. Der Aufenthaltsbereich im Freien (Loggia) zeigt sich nicht nur witterungsgeschützt, sondern kennzeichnet sich durch eine geringe Exponiertheit gegenüber fremden Blicken, als auch (wie bei den meisten Freibereichen) mit einem großvolumigen Wahrnehmungsraum. Dies erhöht – bei entsprechender Ausstattung – die potenzielle Aufenthaltsdauer und kann die Loggia zu einem kleinen Ort der Entspannung machen.

Irgendwann zieht dann auch die Partnerin ein, denn eigentlich wäre die Wohnung, so die Gedanken des Paares, groß genug für zwei Personen und sparsamer wäre es obendrein. Platz wäre hinreichend vorhanden, denn eigene Utensilien hat das junge Studentenpaar noch nicht viele: Gewand, ein paar Bücher und ein Laptop sind schnell untergebracht. So steht dem gemeinsamen Glück scheinbar nichts mehr im Wege. Ein Jahr später ist allerdings alles anders.

Fall B: Dyade - ein Paar bewohnt die Wohnung

Mit Wohn-Essraum, Bad und Schlafzimmer samt Doppelbett wäre die Wohnung im Prinzip gedacht als kleine Wohnung für ein Paar. Die vielschichtigen Interaktionsbedürfnisse eines Pärchens sind in unterschiedlichen Bereichen gut erfüllbar. Für persönliche Gespräche eignet sich der Esstisch, für gemeinsames Chillen der Wohnbereich, für Intimitäten der Schlafbereich. Auch das Affiliationsbedürfnis – bloß die Anwesenheit des anderen Menschen
zu spüren, respektive das Gefühl, nicht allein zu sein – kann hervorragend erfüllt werden.

Persönliche Nischen sind allerdings nicht erkennbar, soziale Regulation wird nur schwer möglich. Zwei Hauptprobleme zeigen sich hierbei üblicherweise:

1. keine bzw. nur eingeschränkte soziale Regulationsmöglichkeiten. Diese führen meist zu mehreren Konsequenzen, eine davon wäre die tendenzielle Kontaktvermeidung, gemäß dem Grundsatz: Wenn der äußere Rückzug nicht möglich ist, folgt der innere Rückzug. Und dies darf insbesondere für ein Paar als ungünstig betrachtet werden. Eine entscheidende Rolle bildet der Faktor Zeit: Rückzugsverhalten wird stetig gefördert. Der/die andere wird tendenziell immer öfter als „zu nahe“, als beeinträchtigend oder störend wahrgenommen – ohne dass sich der/die andere dazu etwas Spezielles zu Schulden lassen kommen müsste.

2. persönliche Nischen im Wohnraum. Wenn beide Personen im Wohnraum eine persönliche Nische beanspruchen (oder in verstärkter Form, wenn beide den Wohnraum als ihren persönlichen Bereich betrachten), dann zeigt sich im Regelfall folgender Kreislauf: Je stärker ein Bereich personalisiert wird und je länger man sich dort aufhält, desto stärker wird die emotionale Bindung, desto eher betrachtet man diesen Bereich als zur eigenen Person gehörend. Das bedeutet allerdings auch, dass die Person tendenziell empfindlicher wird gegenüber Einwirkungen von außen, die immer öfter als beeinträchtigend
wahrgenommen werden. Dies kann im Endstadium so gut wie alles sein, was von dem Mitbewohner/der Mitbewohnerin ausgeht, bisweilen bereits deren bloße Anwesenheit.

Diese zwei Faktoren können dazu beitragen, dass selbst eine vielversprechende Beziehung auf Dauer erodiert. Die räumlichen Faktoren wirken beständig – die Wirkung fällt allerdings den Betroffenen häufig nicht auf, weil die Räume ja nichts aktiv „machen“, sie verändern sich nicht und sind einfach „nur da“. Was sich ändert bzw. was aktiv ist, ist vermeintlich der andere (der/die Partner/in). In der Regel wird dann bei Konflikten dem „anderen“ die Schuld zugewiesen, denn er verhält sich ja anders/falsch, er kommt einem zu nahe, lässt einem keine Luft zum Atmen, stört ständig, lässt einem keine Ruhe. Oder er zieht sich zurück, meidet den Kontakt. Er/sie ist nicht mehr so „wie früher“, ist mürrisch, reagiert gereizt etc. Man merkt bisweilen auch die Veränderung an sich selbst, an den eigenen Empfindungen für den anderen. Man empfindet nicht mehr „dasselbe“, nicht mehr das starke Bedürfnis nach Nähe und Kontakt, sondern immer häufiger das Gegenteil davon. Irgendwann kann dann das fatale Resümee kommen: Er/sie ist doch nicht der/die Richtige, man hat sich „auseinander gelebt“ oder entfremdet. Dass daran auch die Räume ursächlich mitbeteiligt sein können, kommt den Betroffenen meist kaum in den Sinn bzw. es wird den Räumen nur eine (scheinbar) marginale Nebenrolle zugewiesen.

Gibt es einen Gewöhnungseffekt?

Bei beiden Faktoren ist kein Gewöhnungseffekt zu erwarten. Ganz im Gegenteil: Die Auswirkungen verstärken sich im Regelfall, je länger man dieser Situation ausgesetzt ist.

Der Faktor Persönlichkeit

Die persönlichen Eigenschaften der Bewohnenden spielen bei diesem Prozess natürlich auch eine Rolle, vor allem Soziabilität und Toleranzbereitschaft.
Je nachdem, wie stark diese Eigenschaften ausgeprägt sind, können Paare die Situation durchaus auch einige Jahre überstehen, andere werden bereits nach wenigen Monaten das Handtuch werfen. Ganz unabhängig von den persönlichen Charaktereigenschaften, eines ist die Wohnung mit Sicherheit nicht: beziehungsfördernd, vielmehr das Gegenteil.

Wie viel zeit verbringt man in der Wohnung?

Wenn beide Personen großteils auswärts arbeiten oder gar außerhalb der Wohnung eine Art persönliche Nische sehr stark nutzen können (z.B. im Büro/ am Arbeitsplatz), dann wird diese Funktion in der eigenen Wohnung weniger schlagend, und so kann die dargestellte Entwicklung auch deutlich gebremst werden. Wenn diese Personen den größten Teil des Tages außer Haus verbringen, dann dient die Wohnung mehr oder weniger der sozialen Interaktion zwischen den beiden. Dazu kann sie bei entsprechender Ausstattung und Gestaltung gut geeignet sein. Sobald das Paar allerdings längere Zeit in der Wohnung verbringt (z.B. ein Wochenende, die Weihnachtsfeiertage, eine Ferienwoche), werden dieselben Mechanismen in Gang gesetzt wie soeben beschrieben.