Generieren oder untergraben Gemeinschaft: 

Raumstrukturen als Rückgrat

Worin liegt die Hauptfunktion eines Erschließungssystems? „Natürlich darin, eine Verbindung zwischen A und B herzustellen“, würde man intuitiv antworten. Aus wohnpsychologischer Sicht weist die Erschließungsstruktur jedoch eine weitere überaus bedeutsame Funktion auf: Sie bildet das soziale Rückgrat einer Bewohnerschaft und wirkt somit systembildend. Sie generiert ein Sozialgefüge samt vorteilhaften oder nachteiligen Konsequenzen, wie die beiden nachfolgenden Beispiele zeigen.

Wohnprojekt G.

Eine engagierte Gruppe von Personen, die an gemeinschaftlichen Wohnformen interessiert war, errichtete die zweigeschossige Anlage mit rund 32 Wohneinheiten in einer dörflichen Randlage. Gemeinschaftlichkeit wird hier allerdings eher als Option denn als Zwang gelebt. Beim Grundkonzept waren die Gemeinschaftsräume nicht bloßes Accessoire, sondern standen von Beginn an im Zentrum der Planung. Sämtliche Gänge führen vom zentralen Eingangsfoyer zu den Seitentrakten, wo die Wohneinheiten angeordnet sind. Gleich hinter dem und nicht im(!) Eingangsfoyer befindet sich ein großzügiger Gemeinschaftsraum. Dieser fungiert zum einen als sozialer Interaktionsraum, ist gut strukturiert, unterteilbar und bietet viele Optionen: einen abtrennbaren Raum für Party oder Filmvorführung, eine Küche, hinreichend Sitzplätze, eine kleine Bibliothek und einen Spielbereich.

Vor dem Eingangsfoyer im Übergang zum öffentlichen Raum befindet sich lediglich ein Parkplatz bzw. eine Müllsammelstelle. Dadurch wirkt die Siedlung nach außen hin sehr isoliert (ähnlich einer Kommune), dies wird teilweise von den Bewohnenden selbst bemängelt, dass so gut wie keine Kontakte zu benachbarten Siedlungen bestehen.

Ansonsten wissen die Bewohner das vielfältige Angebot sehr zu schätzen. Denn es gibt zusätzlich Räume im Keller sowie etwas abseits im Freien einen großen naturnahen gemeinschaftlichen Bereich, den sich die Bewohner nach eigenem Ermessen aneignen können.

Ursprünglich für Familien gedacht, erwies sich die Siedlung auch bei älteren Personen als sehr beliebt. Vereinsamungsgefahr besteht hier keine, man kann aber dennoch privat für sich sein, wenn man es möchte. Es gab bei den Bewohnenden bereits Abgänge und Neuzugänge, aber dies tat dem funktionierenden Gesamtgefüge keinen Abbruch, weil die räumliche Konstellation tendenziell soziopetalen (d.h. gemeinschaftsfördernden) Charakter aufweist bzw. weil die räumliche Struktur mit dem sozialen Gefüge kongruent ist.

Wohnprojekt W.

Das genaue Gegenteil geschah im zweiten Beispiel. Auch hier fand sich eine hochmotivierte Gruppe von Leuten, die gemeinsam ein Wohnprojekt mit 20 Wohneinheiten, ebenfalls in dörflicher Randlage, umsetzen wollte. In einigen der sieben Baukörper sind im Untergeschoss mehrere seitlich offene Gemeinschafts-„Räume“ angeordnet, die aufgrund der Hanglage ebenerdig ins Freie übergehen – in Richtung der am Grundstücksrand angeordneten Parkplätze. In den großzügigen Grünflächen gibt es vereinzelt definierte Bereiche wie Spielplatz oder Sitzgruppe etc. Jedoch ergeben ein Tisch und zwei Bänke noch nicht unbedingt ein interaktionsförderndes Setting. Die Raum- und Weg-Strukturen sind stark soziofugal organisiert, d.h. die Siedlung ist in solitäre Baukörper zerteilt, und die Wege tragen eher Fluchtwegcharakter in Richtung Parkplätze – sie sind daher „soziofugal“ und weniger „sozio-petal“ (gleichbedeutend mit zusammenführend, gemeinschaftsfördernd, wie im vorangegangenen Beispiel dargestellt). Während die Bewohnenden zuvor aufgrund des gemeinsam durchlaufenen Planungsprozesses stark miteinander verbunden waren und diese Gemeinschaftlichkeit anfangs auch weiter pflegten, gingen sie langsam nach und nach ihre eigenen Wege. Dieser Trend verstärkte sich, als einzelne Personen weg- und neue hinzuzogen. Und gerade für die neuen Bewohnenden war diese Gemeinschaftlichkeit nicht mehr spürbar. Bedauert wird diese Entwicklung vor allem von einigen älteren Bewohnern, die sich erhofft hatten, hier nicht einsam zu altern.

Resümee zur gefahr „intuitiver“ Planungskonzepte

Räumliche Strukturen entfalten ihre konstante und eindringliche Wirkung bisweilen erst über längere Zeiträume hinweg.

„Intuitiv“ zu planen (d.h. ohne das entsprechende humanwissenschaftliche Know-how) und zu bauen, birgt aus psychologischer Sicht jede Menge Risiken in sich. All die positiven wie negativen Konsequenzen stellen jedoch kein unabwendbares Schicksal dar, vielmehr sind sie mittels sorgfältiger Analyse bereits in der Planungsphase erkennbar und bei Bedarf auch korrigierbar!

Soziofugal und Soziopetal

Abschließend ist anzumerken, dass diese Begriffe nicht mit „gut“ und „schlecht“ gleichzusetzen sind. Falsch umgesetzt, kann sozio-petal auch zu Crowding oder Konflikten führen und sozio-fugal kann im richtigen Kontext auch Vorteile mit sich bringen.