Begegnungszone als Stresszone:
Plätze und Verkehrsflächen
Ein zentrales Thema der WAP bildet die Wirkung von Flächen bzw. Settings auf menschliches Befinden und Verhalten. Einige ausgewählte Aspekte zu den Mechanismen der vielfach unbewussten Verhaltenssteuerung werden in diesem Beispiel veranschaulicht.
Am Anfang stand der Wunsch, einen stark befahrenen Kreisverkehr zu „beruhigen“ und den gesamten Platz etwas „wohnlicher“ zu gestalten. Eine sogenannte Begegnungszone (ähnlich einem „shared space“) sollte entstehen, bei dem alle Verkehrsteilnehmenden aufeinander Rücksicht nehmen – mehr noch, ein Lebensraum für alle Anwohnenden sowie für die Studierenden, die sich hier aufgrund der nahen Uni zuhauf tummeln. Bei den Vorbereitungsarbeiten holte man nicht nur diverse Planende und Behörden an Bord, sondern versuchte, mit Beteiligungs- und Aufklärungsprozessen auch die Bedürfnisse und Ideen der BürgerInnen zu integrieren. Letzteres bewirkte zumindest, dass ein möglicher Widerstand hier kaum aufkam bzw. in ein konstruktives Engagement transformiert wurde. Alle durften mitreden und teils sogar mitgestalten.
Welche Wirkmechanismen kommen hier zum tragen?
Beginnen wir mit der Autofahrerperspektive: Man erwartet sich ja gerade von den Fahrzeuglenkenden eine starke Verhaltensänderung. Sie sollen die Fahrgeschwindigkeit reduzieren und auf alle anderen Rücksicht nehmen. Manche von ihnen sehen auch das Hinweisschild mit dem 20km/h-Geschwindigkeitslimit am offiziellen Beginn der Begegnungszone.
Das Schild muss zum einen erst erkannt und gelesen werden. Das bedeutet allerdings auch, dass ein kognitiver Prozess in Gang gesetzt wird, und zwar just in derselben Gehirnregion, die auch für Abwägungsprozesse zuständig ist. Sollte kein Hindernis (z.B. Fußgänger) und keine Gefahr (z.B. Radar, Polizist) erkennbar sein, dann kann der Entscheidungsprozess auch mal zu Ungunsten der geforderten Geschwindigkeitsreduktion ausfallen. Weitere verhaltensändernde Faktoren werden in diesem Setting kaum wirksam. Die Gestaltung samt relevanter Parameter ist vor und nach der Tafel nahezu identisch, selbst die Asphaltbahn läuft in einem durch.
Was bewirkt der Farbeinsatz?
Wenden wir uns einer anderen Zufahrt mit markanten farbigen Bodenmarkierungen zu. Was passiert hier im Gehirn eines Autofahrers? Vorerst stellt die Flächengestaltung ein neues unbekanntes Setting dar. Anspannung und Aufmerksamkeit steigern sich, womit man zugleich auch langsamer wird. Zumindest das Ziel der Geschwindigkeitsreduktion wäre somit gleichsam automatisch erreicht – und das noch deutlich vor dem offiziellen Hinweisschild, ab dem die Regelung erst gelten würde. Aber es gibt noch weitere Konsequenzen. Ein neues Setting will immer erst erkannt und verstanden werden, was mangels Erfahrung mit ähnlichen Settings kaum gelingt. Man ist sich dann nicht sicher, wie man sich mit seinem Fahrzeug dort verhalten soll/darf. Und ebenso weiß man nicht genau, welches Verhalten von den anderen Verkehrsteilnehmern zu erwarten ist (Autound Radfahrende, FußgängerInnen, Skater, Kinder etc.).
Verhaltens- und Deutungs(un)sicherheit
Die zwei zentralen Begriffe in diesem Kontext lauten: Verhaltenssicherheit und Deutungssicherheit. Wenn diese nicht gegeben sind, entsteht eine innere Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft, mit einem Wort: Stressreaktionen samt den gängigen Begleiterscheinungen wie erhöhte Pulsfrequenz, Adrenalinausschüttung etc.
Noch verstärkt betrifft diese Verhaltens- und DeutungsUNsicherheit all jene, die von keiner schützenden Hülle umgeben sind, wie Radfahrende oder auch Fußgänger. Doch letztere bewegen sich vorzugsweise am Rand, wie sie es von anderen Verkehrskreuzungen kennen und wo sie sich am sichersten fühlen. Nur wenige Mutige („sensation seekers“) wagen sich quer über den Platz – im Regelfall junge Erwachsene (Studierende), die hinsichtlich Reaktionsgeschwindigkeit und Fitness deutlich besser abschneiden als andere Altersgruppen. Ältere oder weniger fitte Personen meiden den Platz weitgehend. Für kleinere Kinder ist er schlichtweg lebensgefährlich. Sie reagieren noch wesentlich intuitiver als Erwachsene auf räumliche Settings. D.h. bei ihnen wird der richtige Einsatz von unbewussten Steuerungsmechanismen überlebensrelevant.
Wenn sichere und gefahrvolle Bereiche teils Entspannung zulassen, teils aber ein hohes Maß an Achtsamkeit erfordern, wenn Bereiche zwar unterschiedliche Verhaltensweisen einfordern, aber sensorisch dasselbe mitteilen, kommt es zu Missverständnissen, vor allem bei Personen, die nicht genau wissen, um welche Zone es sich handelt und welche Rechte und Pflichten damit verbunden sind. Wenn eine gesamte Fläche eine Sprache spricht, die das Kind nicht versteht, dann ist dies riskant. In der Nähe einer Schule oder dergleichen wäre eine solche Gestaltung alles andere als empfehlenswert.
Ein Lebensraum?
Eines ist der Platz jedenfalls nicht – ein Lebensraum, sondern vielmehr ein Gefahrenraum, der ein hohes Maß an Aufmerksamkeit einfordert. Er stellt eine Zone dar, die weniger rücksichtsvolle Begegnungen fördert, sondern aufgrund mangelnder Deutungsund Verhaltenssicherheit eher Stressreaktionen und Vermeidungsverhalten. Den einzigen sicherheitsfördernden Aspekt bildet die erzwungene Geschwindigkeitsreduktion.
Die WAP empfiehlt eindringlich, die Wirkung auf Befinden und Verhalten nicht dem Zufall zu überlassen und sich dabei auch nicht von fiktiven Wunschvorstellungen leiten zu lassen. Die Empfehlung der WAP geht dahingehend, die Kenntnisse über die unbewusste Verhaltenssteuerung (= die Prinzipien der ökobehaviorale Kongruenz, der Behavior-Settings samt den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen dazu) besser zu nutzen – sodass die erwünschten Wirkungen auch tatsächlich eintreten können.