Eine wohnpsychologische Analyse zum großen Rätsel der Wohnbaugeschichte:
Warum Wohnprojekt Pruitt-Igoe (nicht) scheitern musste
Pruitt-Igoe scheiterte katastrophal. Obwohl es ursprünglich ein hochmotiviertes Vorzeigeprojekt war bzw. hätte werden sollen. Doch warum? Und vor allem: Warum hat man die eigentlichen Ursachen nie erkannt? Warum konnte trotz engagiertem Bemühen der Politik, der Hausverwaltung, der Behörden und teils auch der Bewohnenden selbst das Scheitern nicht verhindert werden?
Die kurze Geschichte von Pruitt-Igoe
Dies war eine riesige Wohnanlage mit rund 2800 Wohneinheiten und galt ursprünglich als soziales und sogar preisgekröntes Vorzeigeprojekt. Die Planer waren sehr ambitioniert, ein funktionierendes soziales Gefüge mit menschlichem Maß zu schaffen. Licht, Luft, Aussicht und Sonne sowie zeitgemäßer Wohnkomfort waren die Prämissen. Die Erdgeschoßzone sollte frei sein zum Spielen und allen Bewohnenden zur Erholung dienen. In den Gebäuden würden großzügige Gemeinschaftsbereiche eine gute Nachbarschaft fördern. „Vertikale Dorfgemeinschaften“ über jeweils drei Etagen sollten entstehen. Doch das Projekt entwickelte sich anders als gedacht. Überschritt die Belegungsrate zu Beginn noch die 90%, so fiel sie nach und nach sukzessive wieder ab. In gleichem Maße schienen sich im Gegenzug Incivilities breit zu machen, was wiederum Auszugstendenzen beschleunigte. So kam es, dass nach etwa zehn Jahren nur mehr ein paar hundert von den ursprünglich mehr als 10.000 Bewohnenden zurück blieben. Die zahlreichen Rettungs- und Sanierungsversuche, Bewohnerinitiativen, eine aufwändige Neugestaltung des gesamten Wohnumfeldes, Aufbesserungen der Infrastruktur und der Einsatz von Sozialarbeitern konnten den Verfall nur bremsen. Die Probleme und Zerfallserscheinungen nahmen, davon unbeirrt, zu. Entmutigt und ratlos, entschloss man sich dazu, gerade mal rund zwölf Jahre nach Fertigstellung die gesamte Siedlung abzureißen
Die Suche nach den Ursachen - eine scheinbar unendliche Geschichte
Die endlose Suche nach den Ursachen bzw. den „Schuldigen“ dauert (zumindest in den USA) teilweise bis heute an, mit den unterschiedlichsten Hypothesen: Der Baustil, die Bebauungsdichte oder die Gebäudehöhe seien Schuld gewesen. Der Baustil ist zwar nicht berauschend, aber daran allein scheitert noch kein Projekt. Auch gab und gibt es deutlich dichtere und höhere Bebauungen, die nicht derart endeten. Andere meinten, die Wirtschaftslage, die Hausverwaltung, die Politik oder gar die Bewohnenden selbst seien Schuld gewesen. Gemeinsam haben diese Erklärungsversuche, dass sie maximal Teilaspekte oder verstärkende Faktoren benennen, den Kern der Problematik aber nicht erfassen. Da die eigentlichen Hauptursachen nie erkannt wurden, ließen sich auch keine wirksamen Gegenmaßnahmen ableiten.
Wo lagen die eigentlichen Ursachen?
Mit unseren modernen Analysemethoden (HQA) kann man die Ursachen präzise definieren, hier ein Überblick: Hauptursache Zonierungsfehler. Aus wohnpsychologischer Sicht lässt sich ein menschliches Habitat – vom Wohnumfeld bis zum Gebäudeinneren – in unterschiedliche Zonen unterteilen, die jeweils eigene Aufgaben zu erfüllen hätten und eigene Eigenschaften aufweisen müssten. Es gibt nicht nur private und öffentliche, sondern mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Zonen. Genau darin lagen auch die bis dato unerkannten Ursachen.
FEHLER 1: VERWECHSLUNG GEMEINSCHAFTLICH – HALBÖFFENTLICH
Da drei Gemeinschaftsbereiche über drei Treppenhäuser miteinander verbunden waren, entstand ein großer zusammenhängender Bereich. Aufgrund der Anzahl der Wohnungen und der nie lückenlos umsetzbaren Zugangskontrolle etablierte sich im Gebäudeinneren gleichsam eine halböffentliche Zone
FEHLER 2: KONTROLLARME BEREICHE
Die halböffentliche Zone wies nicht die erforderlichen Eigenschaften auf. Allem voran mangelte es an kollektiver sozialer Kontrolle (Einsehbarkeit von außen) als auch an individueller sozialer Kontrolle (Überschaubarkeit in der jeweiligen räumlichen Situation).
FEHLER 3: (UNBEWUSSTE) FÖRDERUNG VON RÜCKZUGSVERHALTEN
Wenn halböffentlich ohne Zwischenzone direkt auf privat trifft (Wohnung), dann verstärkt dies die Hemmschwelle, sich vor die Wohnungstür zu begeben. Dadurch erhöht sich der Anonymitätsgrad in der halböffentlichen Zone. Diese Aspekte in Kombination mit kontrollarmen Bereichen bilden hervorragende Voraussetzungen für die Entstehung von Incivilities wie Vandalismus, Verwahrlosungen, Kriminalität, was in dieser Reihenfolge auch eintrat.
FEHLER 4: MANGELNDE ZONIERUNG DER EG-EBENE, FALSCHE AFFORDANZ
Nahezu die gesamte EG-Ebene bildet eine einheitliche Zone und damit einen einzigen Zonierungsfehler. Die Gestaltung und Charakteristiken der Zone zogen (unabsichtlich) unvorteilhafte Verhaltensmuster nach sich: einerseits Vermeidungsverhalten der Bewohnenden, andererseits eine hohe Affordanz für destruktive Tendenzen. Manche der genannten Fehler findet man bei anderen Wohnanlagen ebenso. Die Kombination brachte die fatale Wirkung mit sich.
Wie erlebten es die Bewohnenden?
Die Berichte bestätigen indirekt die oben skizzierten Zusammenhänge. Am Beginn standen Freude und Begeisterung, denn für die meisten Personen war der neue Wohnkomfort ein deutlicher Fortschritt. Manche empfanden die Anlage als „großes Hotelressort“ und waren stolz, in einem solchen Projekt wohnen zu dürfen. Die Gemeinschaftsbereiche wurden zu Beginn noch gut frequentiert. Die räumliche Struktur sorgte tatsächlich dafür, dass sich die Bewohnenden kannten und begegneten – die vertikalen Dorfgemeinschaften schienen zu Beginn wirklich zu funktionieren. Am Ende war es ein Ort der „permanenten Angst“, gekennzeichnet durch Vandalismus, Verwahrlosung und Kriminalität. Das gesamte Setting veränderte dramatisch das Denken und Verhalten der Leute. Misstrauen, Angst, fallweise auch Resignation und Aggression machten sich breit. Der Rest des Dramas mit vereinzelt sogar letalen Folgen sei Ihnen erspart. Schlussendlich wurde die Siedlung nach mehreren fehlgeschlagenen Rettungsversuchen vollständig entmietet.
Fazit
Wenn man die Zusammenhänge – Ursache und Wirkung – präzise definieren kann, wird alles plötzlich ganz klar. Auch Lösungsansätze lassen sich dann logisch ableiten, allem voran eine ausgewogene interne wie externe Zonierung, ausgestattet mit den entsprechenden Eigenschaften. Pruitt-Igoe hätte nicht derart scheitern müssen, aber das notwendige Know-how war damals noch nicht verfügbar.