„Wie Wohnumwelten Beziehungen beeinflussen“ – Teil 2: 

Kinder und deprivative Umwelten

Eine kurze wissenschaftliche Perspektive zum Thema Kindheitsentwicklung und Wohnumwelten - Teil 1

Kinder, die in deprivativen Umwelten aufwachsen müssen, weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit für diverse psychische und psychosomatische Beeinträchtigungen respektive Erkrankungen auf, z.B. ADHS, Adipositas oder Depression. Häufig entsteht auch eine geringere Stresstoleranz, eine geringere „Resilienz“, die sich bis ins Erwachsenenalter hinein bemerkbar machen kann und mit der die Gefahr einhergeht, im späteren Leben an sogenannter Erschöpfungsdepressionen (Burnout) zu erkranken. Deprivation (Mangel oder Isolation) kann in mehrerlei Hinsicht auftreten, wie zum Beispiel:

  • sensorische Ebene: Mangel an Stimuli vor allem Mangel an Naturkontakt 
  • soziale Ebene: soziale Isolation, Mangel an Interaktionsmöglichkeiten oder -partnern
  • aneignungsbezogene Ebene: Mangel an Erlebnis- und Erfahrungsräumen, Mangel an Aneignungsräumen bzw. -möglichkeiten

Eine Wohnung allein reicht für ein Kind nie, sei sie auch noch so luxuriös

Eine persönliche Perspektive

Das junge berufstätige Paar hatte endlich eine neue Wohnung gefunden – mit drei Zimmern in der 20. Etage eines neu errichteten Hochhauses. Die erhöhte Lage empfanden sie als durchaus vorteilhaft, weit weg vom Lärm und dem hektischen Treiben am Grund. Abends nach der Arbeit konnte man sich mit einem Glas Wein entspannt hinsetzen und die weite Aussicht genießen. Da keine Nachbarn in die Fenster blicken konnten, hatten sie das Gefühl, sich frei und ungezwungen geben zu können und auch mal unbekleidet durch die Wohnung zu huschen. Lediglich an Wochenenden fiel ihnen sprichwörtlich die Decke auf den Kopf, was zumindest sie nicht störte, denn so unternahmen beide recht viel außer Haus. Die drei Zimmer empfanden sie als vorteilhaft. Vorerst nutzten sie das drei Zimmer als kleines Heimbüro, später könnte es auch als Kinderzimmer dienen. Dieser Fall ließ dann auch nicht allzu lange auf sich warten. Sie ging in Karenz, blieb also zuhause beim Kind, konnte aber dennoch ein wenig ihrer Arbeit nachgehen. Dies war ihr durchaus recht, fühlte sie sich doch dadurch weniger isoliert. Darüber hinaus verschaffte es ihr auch etwas Abwechslung. Dennoch reduzierte sie die Arbeit nach und nach, da sie sich immer öfter als müde und erschöpft erlebte.

Ein Spaziergang mit Kleinkind samt Zubehör in den nächsten Park entsprach hinsichtlich seines Aufwandes nahezu einer Halbtagesreise. So verbrachten sie dann doch relativ viel Zeit in der Wohnung. Die Sozialkontakte verringerten sich auf ein Minimum – ein paar Telefonate oder E-Mails. Abends war sie froh, das Kind dem Mann übergeben zu können und so zumindest ein wenig Zeit für sich zu erhalten. Wenn er nach einem langen Arbeitstag samt den unterwegs erledigten Einkäufen heimkam, erhielt er also, sobald er die Arme frei hatte, das Kind in dieselben gelegt. Die eine oder andere Überstunde allein im Büro genoss er inzwischen, als wäre dies Freizeit. Während er früher längere Autofahrten scheute, schätzte er diese mittlerweile als Refugium, wo er für sich sein konnte, seine Musik hören oder seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte. Zuhause war er unterdessen immer häufiger mit Missmut und Vorwürfen konfrontiert: er kümmere sich zu wenig um das Kind, um die Beziehung, um den Haushalt.

Wenn das Kind dann (endlich) in den Kindergarten bzw. zur Schule ginge, würde sie zumindest wieder halbtags ins Büro gehen, würde wieder mehr „unter die Leute“ kommen, und sie würde wieder etwas mehr Zeit zur Entspannung haben. Wenigstens ersteres trat auch ein. Wenn das Kind nachmittags zuhause war, blieb es meist auch dort. Die lange Distanz zum Spielplatz durfte/konnte es noch nicht alleine bewältigen. Es ständig dorthin zu begleiten, wollte/konnte sie wiederum nicht. Zeit für sich hatte sie nur, wenn sie das Kind vor den Fernseher setzte. Träumte sie früher von einer Familie mit drei Kindern, so fühlte sie sich jetzt bereits mit einem Kind überlastet. Er nahm sich mit einer ganzen Liste an Erledigungen bisweilen als bloßer Dienstleister wahr und paradoxerweise manchmal zugleich als Störfaktor, sobald er sich in der Wohnung aufhielt. Er hatte keinen Platz für sich, erlebte auch seine Frau immer öfter aggressiv oder abweisend und wollte bisweilen am liebsten auswärts übernachten. Nicht selten war er froh, wenn er morgens zur Arbeit gehen durfte. Sie hingegen steuerte langsam und kaum merklich auf eine Erschöpfungsdepression zu.

Kurze wissenschaftliche Perspektive - Teil 2

Innenräume weisen generell eine geringere Erholungsqualität auf als Freiräume, insbesondere wenn von der Wohnung aus auch keinerlei Natur wahrnehmbar ist. Der ständige (erzwungene) Aufenthalt in Innenräumen erhöht die Wahrscheinlichkeit für gereizte Reaktionen. Wenn ein Kind einen Elternteil – mangels an Alternativen – als Ersatzspielkameraden beansprucht bzw. wenn es wieder einmal seine/ihre Aufmerksamkeit respektive Zuwendung einfordert, so wird dies immer seltener wohlwollend aufgenommen, sondern häufig als Belastung erfahren. Kinder reagieren darauf wiederum eher nicht mit Zurückhaltung, sondern weit öfter mit dem Gegenteil. Ein Verlust an Aufmerksamkeit wird vom Kind mit einem Verlust an Zuneigung (= elterliche Liebe) gleichgesetzt. Daher setzt es intuitiv entsprechende Gegenmaßnahmen, um die Aufmerksamkeit (= Zuneigung) wiederzuerlangen. Langfristig können sich dann bei Eltern bedrückende Gefühle breit machen, wie keine Kraft mehr zu haben oder selbst zu kurz zu kommen – fallweise begleitet von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Kommen dann noch berufliche oder andere Belastungen hinzu, dann sind selbst bei Personen mit ursprünglich hoher Resilienz Erschöpfungsdepressionen (Burn-out) keine Seltenheit mehr.

Resümee

Eine der zentralen Aufgaben von Wohnung und Wohnumfeld wäre es, Erholung und Entspannung zu ermöglichen und umgekehrt Aspekte bzw. Settings, die Stress und Gereiztheit fördern, zu reduzieren oder gänzlich zu eliminieren. Zu beidem können ein ganze Vielzahl an Kriterien beitragen, allem voran die Vermeidung von deprivativen Wohnumwelten.