Wenn Räume krank machen

Wie kommt es, dass Räume, die eigentlich einen beeinträchtigen Menschen gesund machen sollen, eher das Gegenteil bewirken? Eine kurze wohnpsychologische Perspektive zu einem neu errichteten Pflegewohnheim.

Ausgangspunkt

Es gibt eine Reihe an wohnpsychologischen Aspekten, die gesundheits- und regenerationsfördernd wirken. Es gibt aber auch – nicht immer ganz offensichtliche – Wirkfaktoren, die das Gegenteil nach sich ziehen. Da es sich dabei um wohn- und architekturpsychologische Forschungsergebnisse handelt, bilden sie im Regelfall weder Bestandteil der medizinischen noch der pflegerischen noch der architektonischen Berufsausbildung.

Eine persönliche Perspektive

Nach einer schweren Krankheit eines älteren Herren, die immer noch insofern nachwirkte, als dass er nicht eigenständig gehen konnte, fand er Platz in einem neu errichteten Pflegeheim. Vom Personal wurde er freundlich zuvorkommend in Empfang genommen und sogleich in sein elegantes Einzelzimmer gebracht, das von ihm beinahe als luxuriös betrachtet wurde: adrett gestaltet, nicht bloß das sonst so typische klinische Weiß, sondern auch Farbe an den Wänden. Relativ große Glasflächen gaben dem Raum Helligkeit und Offenheit. Dem Zimmer vorgelagert war ein großzügiger witterungsgeschützter Balkon mit schützender hoher Brüstung und einem weitläufigem Ausblick. Hier in dieser ruhigen Atmosphäre würde er sich gut erholen können, dachten er selbst und seine Angehörigen.

 

Kurze wissenschaftliche Perspektive - Teil 1

Warum macht der Blick in den Fernseher auf Dauer müde, ein Blick in die Natur allerdings nicht? Wir unterscheiden in der Psychologie zwischen zielgerichteter und nicht-zielgerichteter Wahrnehmung. Alles, was unsere zielgerichtete Aufmerksamkeit einfordert, kostet gleichsam Energie und wird auf Dauer als anstrengend oder ermüdend erfahren. Die absichtsfreie nicht-zielgerichtete Wahrnehmung hingegen kann mit Entspannungszuständen einhergehen – wie z.B. das Betrachten eines Sonnenuntergangs oder ein Blick in die Natur.

Ein relativ naturnaher Ausblick wäre zwar vorhanden gewesen, war aber für ihn, da er im Bett lag, nur sehr eingeschränkt wahrnehmbar. Der Balkon erwies sich ohne fremde Hilfe als unerreichbar. Die Pflegepersonen bloß dafür zu beanspruchen, ihn auf den Balkon und zurück zu schieben, betrachtete er als unangemessen. Sie hätten sicherlich Wichtigeres zu tun, unter anderem sorgten sie (in gutem Glauben) regelmäßig dafür, dass die Vorhänge zugezogen blieben. Denn wozu nützten denn die schönen bodenlangen Vorhänge, wenn nicht, um dem Patienten ein Gefühl des Schutzes und der Geborgenheit zu geben. Es waren allerdings aufgrund der Lage im fünften Obergeschoss keine Einblicke von außen möglich und die wenigen Sonnenstrahlen, die vereinzelt abends eindringen konnten, empfand er als erfreulich. Wenn er nach wenigen Stunden fernsehen ermüdet und überladen das Gerät abschaltete, betrachtete er die Wände, Decke und sämtliche Gegenstände. Nach wenigen Tagen kannte er jedes Detail im Raum und fühlte sich eigenartig unwohl und unruhig, obwohl er ja eigentlich nichts zu tun hatte, außer sich zu erholen. Manchmal, wenn er lange in die gegenüber liegende Wand starrte, begannen sich „Dinge“ darin zu bewegen. Er erzählte aber niemandem davon, aus Angst davor, dass man ihn dann nicht nur für körperlich, sondern auch für geistig beeinträchtigt halten könnte.

Kurze wissenschaftliche Perspektive - Teil 2

„Sensorische Deprivation“ bildet hier einen zentralen Begriff und meint im Prinzip nichts anders als einen Mangel an Stimuli. Dies ist gleichbedeutend mit einem Mangel an „Nahrung“ für unser sensorisch-kognitives System (Sinnesorgane, Nervensystem, Gehirn). Diesen Mangelzustand bemerken wir meist nicht direkt, sondern indirekt über diverse Symptome wie innere Unruhe oder Unwohlsein. Bei länger andauernder Deprivation beginnt das Gehirn bisweilen, sich selbst mit sensorischen Eindrücken zu versorgen, bis hin zu Halluzinationen und Realitätsverlust. Aber noch lange, bevor die extremeren Formen auftreten, kommt es zu einer besonders für Kranke unvorteilhaften Konsequenz: Der Mangel an äußeren Stimuli führt zur verstärkten Wahrnehmung innerer, körpereigener Stimuli. In diesem Fall hatte der Patient immer häufiger den Eindruck, seine Schmerzen würden sich verstärken – alarmierte alsdann das medizinische Personal, woraufhin er mit mehr Schmerzmitteln versorgt wurde.

Auch beim Schlafen hatte er Probleme. Er wachte in der Nacht auf und tat sich schwer, wieder einzuschlafen. Tagsüber fühlte er sich oft müde und nickte immer wieder ein. Beim Lesen bemerkte er, dass die Abschnitte, die er konzentriert durchlesen konnte, immer kürzer wurden und dass er das Buch oder die Zeitschrift immer öfter beiseite legte, um sich „auszuruhen“. Auch die Kreuzworträtsel, die er früher gut und gerne löste, bereiteten ihm zusehends Schwierigkeiten, weil ihm die fehlenden Worte weniger leicht einfielen. Wenn er sich als zu müde zum Lesen empfand, ertappte er sich bisweilen dabei, dass er den Rufknopf drückte und erst danach überlegte, was er der Pflegerin sagen würde. Derweilen starrte er auf die Tür, um für den kurzen Moment, in dem sich diese öffnete, einen Blick nach draußen erhaschen zu können. Selbst eine leicht gereizte und distanzierte Pflegerin war ihm lieber, als gar niemanden zu sehen. Er fühlte sich einsam, obwohl das Haus voller Menschen war. Besuch bekam er zwar regelmäßig, doch dieser tat sich immer schwerer mit der Suche nach Gesprächsthemen, hatte eher den Eindruck, dass er nicht mehr so gesprächig sei wie früher, und war sich bisweilen unsicher, ob er nicht vielleicht lieber seine Ruhe haben möchte. Er seinerseits tastete förmlich sein Gehirn nach Themen ab, die er zur Sprache bringen könnte. Wenn er dann endlich eines fand, war es immer öfter der Fall, dass ihm das eine oder andere passende Wort nicht mehr in den Sinn kam. Den Angehörigen fiel dies natürlich auf. Sie kamen aber zum Schluss, dass „er halt abbaut“ – gesundheitlich und geistig

 

Kurze wissenschaftliche Perspektive - Teil 3

Merkmale sensorischer Deprivation in Kombination mit (erzwungener) Untätigkeit sind häufig Schlafstörungen in der Nacht bei gleichzeitiger Schläfrigkeit am Tag, Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten oder Erinnerungslücken. Im Endstadium nähert sich das Gehirn (metaphorisch gesprochen) einer Art „Stand-by-Modus“ an – mit einem eigenartigen Gefühl der Dumpfheit. In diesem Stadium artikulieren die Personen diesen eigenen Zustand auch kaum mehr. Im Regelfall werden diese Symptome allerdings dem Gesundheitszustand der betroffenen Person geschuldet. Dass daran auch das räumliche Setting ursächlich mitbeteiligt sein kann, ist selbst in medizinischen Fachkreisen so gut wie unbekannt.

Irgendwann wurde er dann doch entlassen, weil keine medizinisch argumentierbaren Gründe mehr dagegen sprachen. Er selbst fühlte sich allerdings alles andere als fit, nahm die Entscheidung aber zur Kenntnis. Erholung stellte sich erst zuhause ein. Dort wurde er im Wohnzimmer untergebracht, von wo aus er unter anderem in den Garten blicken durfte. Immer wieder wandte er (bewusst und unbewusst) den Blick nach draußen. Die Bäume und Sträucher, die Blumen, die Vögel und alles, was sich draußen ereignete, versorgten ihn – insbesondere bei geöffnetem Fenster – mit der richtigen Qualität an Stimuli. Die nun regelmäßige Kommunikation mit den Familienmitgliedern brachte auch sein Gehirn wieder langsam in Schwung. Nach und nach wurde er wieder aktiver und geistig reger.

Resümee

Räumlich bedingte Deprivation steht hier gleichbedeutend für einen Mangel an Stimuli, an Naturwahrnehmung, an Sozialkontakten und an Handlungsmöglichkeiten. Diese Kombination führt nicht nur dazu, dass sich Heilungsprozesse verlangsamen, sondern häufig auch zu mehr Konsum von Schmerz- und Schlafmitteln und zu einer stärkeren Beanspruchung des Personals. Aus wohn- und architekturpsychologischer Sicht gibt es gerade zu diesem Thema noch viel ungenutztes Potential, das nicht nur in humaner Hinsicht (für Patienten und Personal) Vorteile bringen würde, sondern im Endeffekt auch in finanzieller Hinsicht (Gesundheitskosten)