„Ein Projekt mit neuen Ansätzen zur Verbindung von Wohnen & Arbeiten“. 

Innovation statt Experiment?

Innovation statt Experiment wäre das Ziel gewesen.

Start: Architekturwettbewerb

Das Projekt ging als Sieger aus einem Wettbewerbsverfahren hervor, dessen Jury sich aus hochrangigen Persönlichkeiten aus Universität, Politik und Stadtplanung zusammensetzte. Die Hauptaufgabe lag darin, innovative Ansätze zum Thema Wohnen und Arbeiten zu entwickeln. Eine engagierte und aufgeschlossene Wohnbaugenossenschaft erklärte sich bereit, das Siegerprojekt umzusetzen. In der bewohnten Realität erwies sich das Konzept allerdings als nicht ganz so erfolgreich. Bewohnende berichten von einer teils hohen Fluktuation trotz sehr niedriger bzw. mit starken Förderungen unterstützter Mietpreise. Woran liegt dies? Lehnen die Bewohnenden das neue Konzept ab, wollen sie doch lieber konservativ wohnen?

Analyse-Auszug 1

Die Analyse kam zu einem scheinbar zwiespältigen Ergebnis:
Die Grundrisse zeichnen sich vielfach durch ein relativ hohes Adaptionspotential bzw. vielfältige Nutzungsmöglichkeiten aus. Auch die wohnungsinterne Zonierung zeigt sich (ohne hier ins Detail gehen zu können) vielfach als vorteilhaft, sie unterstützt das familiäre Zusammenleben sowie bei Bedarf die Kombination von Wohnen und Arbeiten. Auf sozialpsychologischer Ebene traten allerdings gravierende Schwächen zu Tage, wie: Settings, die Crowding gleichsam produzieren, teils hohe Exponiertheit gegenüber visueller als auch akustischer Fremdkontrolle. Diese sorgten unter anderem dafür, dass sich die Kontaktbereitschaft unter den Bewohnenden in Grenzen hielt und sich mit der Zeit sogar noch reduzierte. Im Regelfall wollen Leute wissen, wer neben ihnen wohnt, mit wem sie am gleichen Ort zusammen wohnen und daraufhin entscheiden, ob sie mehr oder weniger Kontakt zueinander möchten. Wenn Personen allerdings den Wunsch äußern, ihre Nachbarn gar nicht kennenlernen zu wollen, so kann dies als starkes Indiz für wohnpsychologische Defizite gesehen werden

Eine persönliche Perspektive

Anlass zur Analyse gab eine Jungfamilie, die dort voller Freude eine preisgünstige Wohnung mietete, sogar mit einer kleinen eigenen Grünfläche vor der Terrasse und einem Arbeitsraum respektive Mehrzweckraum. Besser als alles, was sie sich bis dato angesehen hatten, nahezu ideal, dachten sie sich zu Beginn. Noch dazu war das Siedlungsinnere frei von motorisiertem Verkehr und dem damit verbundenen Lärm. Da der erste kleine Nachwuchs bereits auf der Welt und der nächste unterwegs war, dachten sie, dass die beiden hier gefahrlos herumlaufen oder Roller fahren könnten. Der eigentliche Spielplatz war zwar minimal, aber so könnte ja gleichsam das gesamte Siedlungsinnere als Quasi-Spielplatz fungieren. Der Vater genoss seinerseits den abgetrennten Arbeitsraum im Anschluss an den eigenen Garten und den halböffentlichen Weg auf der anderen Seite. Um nicht abgelenkt zu werden, schloss er alsbald die Jalousien zum Weg hin (wie seltsamerweise die meisten anderen Nachbarn auch). Die Mutter hatte hingegen Wohnung und Garten nahezu für sich, konnte auf der Terrasse allerdings jedes Gespräch der Nachbarn (und auch jeden Konflikt) mithören. Dies empfand sie einerseits als unangenehm, sie hatte das eigenartige Gefühl, in die Privatsphäre der anderen ungewollt einzudringen, und andererseits auch als störend hinsichtlich der eigenen Tätigkeiten. Auch sie selbst wurde immer gehemmter, wenn sie sich dort mit Mann und/oder Kind unterhalten wollte, wählte jedes Wort mit Bedacht und sprach manche Themen gar nicht an. Diese permanente Selbstkontrolle fand sie bald anstrengend und unterhielt
sich lieber im Wohnungsinneren.
Im Freien hielt sie sich nur noch auf, wenn keine Nachbarn in Hör- und Sehweite waren. Aber selbst dann empfand sie das Setting als immer beengender. Auf den gemeinschaftlichen/halböffentlichen Wegen ging sie nur ungern, konnte aber nicht genau erklären, warum. Damit war sie nicht allein, denn auch für die meisten anderen Bewohnenden dienten die siedlungsinternen Flächen nur als Weg, um
von A nach B zu gelangen. Soziale Interaktionen fanden abgesehen von zufälligen Begegnungen kaum statt. So hielt sie sich noch mehr in Innenräumen auf. Da sie aufgrund der Kleinkind-Betreuung den ganzen Tag zuhause verbrachte, fiel ihr bald die sprichwörtliche Decke auf den Kopf. Auch die an fangs durchaus beliebten Freiflächen empfand sie als immer beengter.
Er bekam dies ähnlich zu spüren und so beschlossen sie schweren Herzens, diese preisgünstige und scheinbar familienfreundliche Siedlung wieder zu
verlassen.

Analyse-Auszug 2

Die räumlichen Strukturen tragen mehrheitlich soziofugalen Charakter, sie fördern weniger soziale Interaktion, sondern eher Rückzugsverhalten (und zwar unabhängig von der Soziabilität der Bewohnenden). Dies wiederum verstärkt die Isolationsgefahr und führt dazu, dass ein räumliches Setting nach und nach als immer „enger“ oder gar beklemmender erlebt werden kann. Die Strukturen führen des Weiteren dazu, dass man sich selbst – zwar nicht immer aber häufig – als Störfaktor für andere wahrnimmt, sowohl in den eigenen als auch in den gemeinschaftlichen Freibereichen. Auch dies hemmt das eigene Verhalten, vor allem das Interaktionsverhalten. Die wenigen Gemeinschaftsbereiche, die soziale Interaktion ermöglichen und somit der sozialen Separation entgegenwirken sollten, zeigen eine geringe Affordanz. Crowding-Situationen, hohe Exponiertheit, Isolation in Kombination mit räumlicher Enge können dazu führen, dass bei einigen Personen die eigene Wohnumwelt auf Dauer als beengend erlebt wird – ein Gefühl, an das man sich im Regelfall nicht gewöhnt, sondern das sich im Gegenteil mit der Zeit eher verstärkt, sodass fallweise die Konsequenz gezogen wird, die Anlage zu verlassen. (Anmerkung: Dies stellt keine vollständige Analyse dar, sondern eine Auswahl an Aspekten, um einige zentrale wohnpsychologische Themen zu veranschaulichen.)

All dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wohnanlage auch einige herausragende Stärken aufweist wie kaum Lärmbelastungen von außen, das verkehrsfreie Siedlungsinnere, die Wohnungen selbst mit den vielseitigen Grundrissen und großzügigen Freiflächen, die auch von den Bewohnenden geschätzt werden.

Fazit

Die wichtigsten Zusammenhänge samt absehbarer Konsequenzen wären bereits in der Wettbewerbsphase erkennbar gewesen (siehe Grafiken). Diesbezüglich müsste man heutzutage nicht mehr hoffen, dass diese funktionieren. Vielmehr kann man bei Wettbewerben bereits vorab detailliert die Stärken und Schwächen der einzelnen Projekte definieren – und vor allem auch die unterschwelligen und langfristigen Wirkungszusammenhänge zu Tage fördern.